Boundaries Vol. 2

Boundaries Vol. 2

In Vol. 1 Boundaries habe ich veranschaulicht, wie man Grenzen falsch setzt. Im Vol. 2 zeige ich auf, wie man Grenzen richtig falsch setzt. Also mit einem richtigen Ansatz gedacht, aber recht falsch im Kontext.

Nochmal zur Erinnerung und zum Mitschreiben: Wir setzen Grenzen in erster Linie für uns selbst, denn das sind unsere Grenzen. Erst im sozialen Kontext wird es relevant, darauf achtzugeben, ob diese von anderen überschritten werden. Wir als soziale Wesen sind es gewohnt, mit anderen Menschen zu interagieren, es ist unser Naturell.

Und genau da beginnt die Arbeit mit den Grenzen, filigran zu werden. Denn um sozial zu bleiben, brauchen wir Grenzen, aber keine Mauern.

Oftmals wird in dieser Hinsicht ziemlich überdosiert, und es wird super starr und rigide ausschließlich auf das Einhalten dieser Grenzen schon fast beharrt.

Gerade wenn man aus einer toxischen oder missbräuchlichen Beziehung oder Erziehung kommt, bei der über einen längeren Zeitraum die Grenzen maßlos überschritten wurden, ist es klar, dass besonders in der Akutphase stringente Grenzensetzung und Einhaltung höchste Priorität hat. Auch im späteren Verlauf muss immer wieder stark darauf geachtet werden, dass man seine Grenzen stabilisiert und nicht in alte Muster zurückfällt.

Gleichzeitig ist der Kontakt zu eher gesunden Menschen wichtig, die die Grenzen würdigen und schätzen und diese nicht überschreiten. Um jedoch den Kontakt zu solchen Menschen zu haben, erhalten und zu pflegen muss man sozial sein, (wieder) werden oder bleiben.

Und nun kommt die Schocknachricht: Damit man sozial bleibt, muss man daran arbeiten, seine Grenzen etwas zu stretchen.

Ja, das klingt nun total konträr zu der sonst paradoxerweise recht dogmatisch propagierten Ideologie der Grenzen. Die Rede ist auch nicht davon, flexibel mit unseren Grundwerten umzugehen. Wenn ich kein Fleisch esse, muss ich mich nicht zwingen, an den Rippchen zu nagen, nur damit ich zum Teamevent in der BBQ-Ranch mitkommen kann.

Es geht eher darum, zu versuchen, beide Komponenten zu integrieren, das „Soziale“ und die „Grenze“. Da zu versuchen, eine Balance zu finden, elastischer zu sein, wenn es im sozialen Kontext erforderlich ist.

Wenn wir nach Darwins Theorie „survival of the fittest“ gehen, wobei hier nicht der Stärkste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste, ist der entscheidende Überlebensfaktor einer Spezies die Anpassungsfähigkeit an die Umwelt. Wir können nach der Geburt jahrelang nicht allein überleben und sind auf den sozialen Kontakt und die Bindung angewiesen. Frühmenschen lebten in kleinen Gruppen (Stämmen), um Ressourcen zu teilen, sich um den Nachwuchs zu kümmern und soziale Bindungen aufzubauen, die für das Überleben in ihrer Umgebung entscheidend waren.

In der heutigen Welt haben sich die Lebensgefahren entschärft, aber unsere Instinkte und das Streben nach sozialer Zugehörigkeit sind geblieben. Daher ist es wichtig, insbesondere für jene unter uns, die sich von Grenzüberschreitungen erholen, so viel sozialen Skill zu erlernen und sich in so viele soziale Gegebenheiten zu begeben, wie es geht, um diese zu üben. Wir sind Individuen im Sozium. Wir sollten in der Lage sein, beides gleichzeitig sein zu können – ein individualisiertes und aber auch soziales Wesen.

Noch mal für alle: Es ist eine Sache, wenn jemand mit Gewalt versucht, deine Grenze plattzumachen. Es ist eine andere Sache, wenn es sich im sozialen Kontext anbietet, etwas lockerer zu sein.

Ich gehe beispielsweise recht früh schlafen. Dafür stehe ich überaus früh auf. Meine Grenze ist eine bestimmte Uhrzeit, und ich überschreite sie meist nicht. Ich brauche diese Regularien, ich brauche diese Routine und halte mich auch jeden Tag daran.

Nun.

Wenn ich zum Beispiel ins Theater oder ins Kino gehe und die Vorstellung bis spät in die Nacht geht, packe ich weder mein Zelt aus, um im Foyer anzufangen zu nächtigen, noch stürme ich aus dem Saal, damit ich pünktlich zur Bettzeit im Schlummermodus liege.

Ich beantrage kein Vorverlegen von Silvester, weil es für mich viel zu spät ist, noch sage ich Einladungen zu einer Feier ab. Ja, ich orientiere mich schon daran, dass ich an Events teilnehme, die mir von der Uhrzeit angenehmer passen, aber ich kann auch mal ein Auge zudrücken, solange beide nicht zufallen. Ich kann ja noch immer justieren, wenn es mir zu viel wird.

Prinzip: Ja, ich habe eine Grenze, sie ist für mich definiert, und wenn es der soziale Kontext erfordert, dann kann ich sie stretchen. Es ist eine ganz andere Geschichte, wenn jemand deine Grenze mit Gewalt überrollt, dich überrumpelt, dein Nein ignoriert, sich sonst wie auf deine Kosten eigene Vorteile verschafft. Hier geht es nicht um denjenigen, hierbei geht es um uns und unsere soziale Anpassungsfähigkeit im sicheren Kontext.

Wenn eine Person, mit der du eine enge Beziehung pflegst, sagen wir, Geburtstag hat, dir aber nicht so richtig danach ist, irgendwo hinzufahren … Dann ist einerseits wichtig, darauf zu hören, was dein Gemüt so sagt. Ebenso wichtig ist der soziale Kontext und der Mensch, für den deine Anwesenheit ebenfalls wichtig ist. Es geht nicht darum, sich für andere komplett aufzugeben, hier sind wir wieder im Extrem. Es geht darum, sozial statt rigide zu bleiben und auf die Lieben unter uns ebenso Acht zu geben wie auf uns selbst.

Wenn andere sich an deine Wunschvorstellungen von Uhrzeiten bei Terminierungen von Treffen halten, sobald es jedoch darauf ankommt, deinerseits Flexibilität zu zeigen, du weiterhin rigide auf deiner Wunschuhrzeit beharrst. Dann ist das nicht sozial, und es kann zum Beenden wichtiger Verhältnisse wie Freundschaften oder Kundenbeziehungen führen. Ja, du hast deine Grenzen, aber du musst abwägen, was in dem sozialen Kontext wichtig ist: starres und stures Beharren und Beziehungsabbruch riskieren oder lockern und weicher sein, sozialen Skill wie Verhandeln üben.

Auch hier rufen wir uns kollektiv noch mal folgenden Sachverhalt in Erinnerung: Es geht nicht um das ständige Zertreten von Grenzen durch rücksichtslose Menschen. Es geht um das Miteinander, das Verhandeln, das Managen, das Justieren, das Sozium. Wenn wir zu starr sind und ständig nur noch damit beschäftigt sind, diese Grenzen einzuhalten, keinen Raum für Flexibilität lassen, keine Bereitschaft zeigen, sich anzupassen, dann stoßen andere buchstäblich an diese Grenzen, und wir bleiben mit unseren Grenzen ganz allein.

Wir müssen wieder lernen, im sozialen Kontext anpassungsfähiger zu sein, denn das ist die Überlebenskunst. Wir brauchen sowohl Grenzen als auch Beziehungen. Manche haben derartige Mauern aufgebaut und grenzen sich fatal ab, da kommt kein My an Sozialem heran. Gegenpolig sind die, die sich in jede erdenkliche Beziehung stürzen, wo die Grenzen ständig mit Füßen getreten werden, nur damit sie nicht allein sein müssen.

Beide Extreme sind nicht zuträglich, beides ist nicht gesund. Das Balancieren erst macht eine perfekte Mischung aus Selbstfürsorge und Sozialleben. Wir müssen lernen, kontextbedingte Entscheidungen zu treffen, raffinierter und mit einer gewissen Finesse an beides heranzugehen. Wie das Wasser im Bach: sich anschmiegen und fließen, sich den Weg geschmeidig freischlängeln. In Bewegung und dynamisch bleiben, Grenzen haben und ernst nehmen, aber nicht erstarren und zu Eis werden. Denn Bewegung ist Fortschritt und Starre ist Stagnation.

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