Scapegoat
In dysfunktionalen Familien sind die Verhältnisse geprägt von Erniedrigung, Beschämung, Schuldzuweisung, Beleidigungen, Ausgrenzung, Bullying und anderen Arten von Missbrauch. Hierbei ist anzumerken, dass der Narzisst (häufig ein Elternteil) der Initiator und Aufrechterhalter dieser Dynamiken ist.
Damit dieses toxische System funktioniert, muss es mindestens ein Opfer geben, welches den oben genannten Missbrauch erfährt. In einer Kernfamilie ist es häufig ein Kind – das sogenannte Scapegoat, der Sündenbock. Dieser wird gezielt von dem Narzissten als solcher ausgewählt und systematisch niedergemacht. So ist für den Narzissten immer narzisstische Zufuhr vorhanden. Ein Wehren gegen diesen Missbrauch ist für ein Kind selbst im fortschreitenden Alter extrem schwer, denn es ist ja ein Elternteil. Das kann gut mit dem Stockholm-Syndrom verglichen werden, wo das Opfer den Täter schützt.
Der Sündenbock unterscheidet sich von dem Rest der Familie – das ist der Grund, warum er diese Rolle hat. Er ist meist der Truth-Teller, jemand mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einer empathischen Natur.
Das sind Attribute, die der Narzisst nie besitzt und nie besitzen wird und die er am Sündenbock gleichermaßen verabscheut und braucht. Verabscheut, weil sie Authentizität ausstrahlen, human sind und die Konditionen darstellen, die für eine echte Verbindung mit Menschen unabdingbar sind – das, was der Narzisst nie sein und haben wird. Das merkt der Narzisst und kann es nicht ertragen; er nimmt dies mitunter als Anlass, den Sündenbock weiter zu schikanieren. Zeitgleich braucht er jemanden mit solchen Eigenschaften, weil dadurch hochgradig rohe und echte Emotionen getriggert werden können – und das wiederum ist notwendig für die narzisstische Zufuhr. So geht diese Tyrannei fortwährend weiter.
Für den Sündenbock gelten auch andere Regeln: Von ihm wird Loyalität und Integrität gefordert, das gilt aber nicht vice versa. Weder der Narzisst noch der Rest der Familie – wie die Flying Monkeys oder das Golden Child – müssen sich fair oder gerecht dem Sündenbock gegenüber verhalten. Es passiert ein kollektiver Bullying-Prozess. Irgendwann werden die Konditionen für den Sündenbock so unaushaltbar, dass es zwangsläufig zu No Contact führt.
Es kann auch sein, dass sich die Rollen verschieben; der Narzisst entscheidet jedoch immer, wer der Sündenbock ist. Zu betonen gilt auch hier: Der Narzisst ist nie an etwas schuld und verdammt den Sündenbock, um weiterhin die kreierte Illusion des heiligen, makellosen Märtyrers aufrechtzuerhalten (besonders beim vulnerablen Narzissten).
Im Hintergrund wird jedoch auf höchst manipulative und abscheuliche Weise die gesamte Familie durch den Narzissten gegen den Sündenbock aufgebracht und zum kollektiven Drangsalieren animiert.
Wir können es uns als intergenerationelles Trauma vorstellen, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde und wie ein Schneeball immer größer und größer wurde. Die massive Wucht der seit Generationen weitergegebenen Effekte des Traumas trifft den Sündenbock auf einmal.