Boundaries Vol. 1

Boundaries oder Grenzen – heißes Thema, besonders wenn man aus einer toxischen/missbräuchlichen Beziehung kommt oder es um Selbstentwicklung geht.

Das erste, was mir jedoch zum Thema Grenzen siedend heiß einfällt, ist, dass viele Menschen gar nicht verstehen, um was es dabei wirklich geht.

Ein absolutes Paradebeispiel für das Missinterpretieren des Konzeptes Grenzen beobachtete ich bei einer Mitbewohnerin, als ich in Portugal lebte. Nennen wir sie Katharina. Damals hatte ich mich überhaupt nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt, jedoch spürte ich, dass es grundlegend falsch ist, was da passiert.

Sie brachte das Thema Grenzen regelmäßig auf; es schien für sie präsent genug zu sein, um als einziges Wort in ihrer WhatsApp-Info festgehalten werden zu müssen. Unklar war, wem dieser Reminder galt, klar war, dass wir da schon mal die erste Fehldeutung haben.

Wir mieteten damals zu dritt eine Wohnung mitten in Lissabon: eine andere Mitbewohnerin, Katharina, ich und noch Katharinas Hund. Der Hund war unglaublich süß, unfassbar alt und besessen von Müll. Wir arbeiteten im Homeoffice und waren einander demnach recht intensiv ausgesetzt; dieses enge Zusammenleben stellte die Harmonie zuweilen auf die Probe. Mit der anderen Mitbewohnerin gab es keine Harmonie-Lecks; die sind bei beiden immer über Katharina gelaufen.

Praktisch bedeutete es für mich, Szenarien mitzuerleben, die sich in etwa so gestaltet haben: Wenn etwas passierte, was Katharina nicht gefiel, teilte sie dies gern mit. Was zunächst nach einer hochgradig plausiblen und im Grunde gesunden Art des Miteinanders klingt. Man könnte schon fast meinen, sie hat ihre Grenzen ganz gut aufgezeigt.

Nein, und außerdem: Das Wie und Warum war dabei ebenso entscheidend.

Eines musste man dem Hund von Katharina lassen: Obschon er uralt war, war er zäh, stark und extrem stur. Ich hatte mir irgendwie schon immer gedacht, dass Hunde ein Abbild ihres Herrchens darstellen – und zwar nicht nur äußerlich. Ich bin nicht sicher, ob Katharina auch so ein Müllfanat war – stur und rigide war sie jedenfalls allemal. Und hier ist wieder ein besonders auffallendes Wörtchen wichtig: rigide. Denn das war der erste Part der Missinterpretation, was sie sich unter ihren sogenannten Grenzen vorzustellen schien.

Wenn der Hund ja schon Müll vergötterte, was soll man da von normalem Essen sagen? Er nutzte jede Gelegenheit, um sich irgendwo reinzusneaken, um etwas halbwegs Kaubares wegzuschlingen. Daher konnte man Essbares selbstverständlich nie unbeaufsichtigt in der minikleinen Küche lassen. Und so passierte es manchmal, dass Essen rumstand, Hund sofort zuschnappte. Ich hatte mich damit arrangiert, weil ich genau wusste: Es war ja meine Entscheidung, mit jemandem zusammenzuziehen, der einen Hund hat. So ist es mir einmal mit meiner Suppe passiert, die ich mir zuvor in der Mikrowelle aufgewärmt und dann zum Abkühlen auf den Küchentresen abgestellt habe, während ich noch schnell ins Bad ging. Kaum einen Moment war ich weg, fand die Suppe bereits einen anderen Verkoster.

Mein Problem bei der Rückkehr war nicht, dass der Hund an der Suppe geleckt hat; mein Problem war, dass Katharina es mitbekommen hat und mich bereits in der Türschwelle mit der folgenden Deklaration erwartete: „Ich will nicht, dass du dein Essen auf dem Tresen lässt.“

Katharina. Was du da so vor dir her willst … Ich will nicht, dass du mir diese Dinge in diesem Ton unter diesen Umständen, auf diese Art sagst, wenn DEIN Hund MEIN Essen frisst.

Das hätte ich ihr vielleicht sagen können; mal wieder empört und absolut sprachlos über die Abgefucktheit der Situation, habe ich abgenickt und begab mich zu der angeleckten Suppe.

Bei einer anderen Situation, bei der ich mich um den Hund abends mehrere Stunden gekümmert habe, gab es für mich als Entschädigung am nächsten Morgen direkt nach dem Aufstehen auch ein Dekret darüber, was Katharina da so nicht will. Ein anderes Mal hatte ich es gewagt, ihren Schlüssel auf einen scheinbar überteuerten Schal zu legen, der im Wohnzimmerregal seinen Platz fand, und kassierte dafür einen vernünftigen Zusammenscheißer.

Als es mir langsam extrem missfiel, gelinde gesagt, haben sich die Konflikte gehäuft, weil ich anfing zurückzubellen. Es gab dann Aussprachen, und hier kommen die besonders wahnhaften Vorstellungen von dem WARUM Katharina so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat:

„Aber wir müssen doch Booooundaries setzen, für die anderen, damit sie wissen, was nicht geht.“

Girl, Boundaries sind Boundaries, das, was du da versuchst aufzuzwingen, sind einfach Hitleries. Du zeigst mir nicht deine Grenzen, du diktierst mir deinen Willen.

Und so ging es eine Zeitlang weiter, bis ein absoluter Eklat zwischen uns und eine überproportional heftige Reaktion tektonischen Ausmaßes meinerseits Katharina zum Ausziehen befördert hat.

Was ist hier mit diesen Boundaries oder Grenzen so verkehrt gelaufen? Denn ja, absolut: Wir sollen Grenzen setzen, damit andere wissen, was geht und was nicht. Jedoch setzen wir sie nicht für die anderen. Wir setzen sie für uns selbst!

Warum setzen wir sie für uns selbst? Weil wir den anderen nichts befehlen können. Zu diktieren, was man so will und nicht, hat nichts mit Boundaries zu tun – alles mit dem Pushen des eigenen Egos.

Hat sie meine Grenzen überschritten? Oh absolut, direkt beim Einzug hat sie sich nicht an die Vereinbarung gehalten, dass wir uns alle gegenseitig beim Umzug helfen. Und so musste ich mir akut anderweitig Hilfe besorgen. Als ich einen beiläufigen Kommentar darüber ließ, dass ich froh bin, dass eine Freundin mir hilft statt sie, wie wir besprochen hatten, wartete sie allerdings nicht lange und machte mir beim Absetzen der letzten Tasche mit ihrem Krempel eine riesige Szene. Sie setzte damit ebenso präzise den Ton für das künftige Zusammenleben und zeigte einen eindrücklichen Trailer dafür, wie das Leben miteinander aus ihrer Sicht so zu funktionieren hat.

Was habe ich falsch gemacht? So einiges – vor allem aber mit ihr a priori zusammenzuziehen, denn wir hatten bereits vorab kleine Inkongruenzen. Aber diese ignorierte ich, ich ignorierte MEINE Grenzen und hielt es für eine gute Idee, in ihrer Nähe zu sein.

Wir setzen die Grenzen für uns, aber nicht das Setzen ist allzu entscheidend, sondern das Einhalten. Wenn das Einhalten einem selbst gelingt, muss man den anderen rein gar nichts mitteilen; es geschieht ganz einfach von allein, weil die anderen sehen, spüren, fühlen, was deine Grenze ist. Wenn sie diese überschreiten, dann kann man in das verbale Demonstrieren übergehen, aber ich muss nicht ständig allen von meinen Boooundaries berichten.

Im Suppenfall hätte ich ihr beispielsweise erklären können, dass ich in mein Hirn eine kategorische Sache eingebrannt habe: nie Schokolade liegen lassen, weil es für einen Hund tödlich sein könnte. Ich liebe deinen Hund und toleriere, dass er hier ist; ich passe sogar auf ihn auf und sonst bin ich sehr rücksichtsvoll. Ich habe hier aber keine Aufsichtspflicht ihm gegenüber; du bist sein Frauchen und auf dich muss er hören. Wenn du nicht willst, dass dein Hund mein Essen isst, dann ist es deine Aufgabe, für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen. Wenn du dich dazu entscheidest, mit Menschen zusammenzuleben, dann läufst du immer Gefahr, dass sowas passiert. Denn du kannst nicht deine Mitbewohner kontrollieren – du musst deinen Hund und deinen Ton unter Kontrolle haben.

Sie hatte ihren Willen durchsetzen wollen und diesen unter dem Deckmantel Grenzen verbal und über WhatsApp-Status propagiert. Ganz eindrücklich demonstrierte sie es bei einer gemeinsamen Reise in die Algarve, als die Gruppe sich früh zur Fahrt zum Strand fertiggemacht hat und aber zwei Stunden lang in der Aufbruchsstimmung verharrte, weil alle auf Katharina warten mussten. Sie musste schließlich unbedingt noch ein Bad nehmen.

Kontext ist hier entscheidend. Ja, du darfst dir ein Bad gönnen, du kannst machen, was du willst, wenn dir danach ist, Selbstfürsorge ist wichtig. Bitte dann selbst. Wenn mehrere Leute nicht vom Fleck kommen, weil du eine Ego-Show abziehst, dann ist es einfach nur antisozial. Dies hat weder mit Grenzen noch mit fröhlichem und umsichtigen Miteinander zu tun.

Ich sage nicht, dass sie schlecht war oder alles falsch gemacht hat; es gab auch schöne Momente. Hier geht es aber nicht um schöne Momente, sondern um das plastische Aufzeigen, wie Menschen so etwas Wichtiges wie Grenzensetzung nur konzeptionell verstanden haben oder gar missbräuchlich verwenden.

Du setzt DIR eine Grenze, und du bist GANZ ALLEIN SELBST dafür verantwortlich, diese zu überwachen. Um es noch anschaulicher zu illustrieren, stellen wir uns zwei Häuser vor. Das eine Haus ist umzäunt, und das andere Haus hat keinen Zaun. Der Zaun bei dem umzäunten Haus sind die metaphorischen Grenzen, das ohne Zaun hat gar keine.

Wenn jemand ohne Zaun sich wundert und aufregt, dass andere über den Rasen laufen oder das Grundstück vermüllen, kann er sich gern über die anderen aufregen. Aber sinnvoller wäre die Frage: Warum hast du keine Barriere aufgestellt, um damit dein Reich zu schützen, die die anderen davor hindert, auf dein Privatgrundstück zu gehen? Die anderen kannst du nicht beeinflussen, die werden immer irgendwas machen. Du musst dich selbst schützen und einen Zaun aufstellen, damit klar ist: Hier geht es nicht rein. Bei dem Haus mit Zaun sieht man sofort: okay, hier kommen wir nicht rein. Wenn sie es dennoch versuchen, dann ist es eine ganz andere Story; dann muss man handeln.

Katharina ist in diesem Fall völlig abseits ihres Zauns auf öffentlicher Straße mit Megaphone rumgelaufen und hat reingebrüllt: Maschendrahtzaun in the morning, Maschendrahtzaun late at night, Maschendrahtzaun in the evening, Maschendrahtzaun makes me feel alright … Ist beliebigen Passanten hinterhergelaufen und fing an zu erzählen, wie sie es nicht will, dass man ihre Petunien in zu regelmäßigen Abständen bewässert.
We get the point.

Wenn du dir selbst über deine Grenzen im Klaren bist, musst du sie anderen nicht diktieren. Wenn du weißt, dass du kein Fleisch isst, dann gehst du nicht ins Steakhouse. Es ist deine Sache, darauf zu achten, nicht die des Steakhouses. Wenn du nur Fleisch isst, dann machst du im Veganer-Laden keine Szene, dass die nichts Carnivores im Menü haben.

Wenn eine Person dich zur Begrüßung umarmen will, du es aber nicht möchtest, dann bist du dafür verantwortlich, diese Grenze zu signalisieren, nicht die andere Person. Wenn du sie signalisiert hast, die Person es aber weiter ignoriert, müssen schärfere Geschütze ausgefahren werden – aber auch erst dann.

Weder lässt du dich 264-mal umarmen, ohne auch nur ein Fünkchen Anzeichen dafür zu geben, dass dir das missfällt und bekommst Panikattacken bereits beim Anflug eines Hauchs von Gedanken an diese Person. Noch brüllst du beim ersten Mal, als die nichtsahnende Person versucht, mit offenen Armen eine nette Umarmung zu initiieren: „STOOOOP, FASS MICH BLOß NICHT AN, ICH HASSE UMARMUNGEN, WEHE, DU WAGST ES, AUCH NUR EINEN ZENTIMETER NÄHER ZU KOMMEN!“

Die Dosis macht hier alles aus; weder zu offen noch zu starr sollte es sein. Aber das Wichtigste ist: die Verantwortung dafür zu übernehmen, was deine Aufgabe ist – deine eigenen Grenzen zu bauen und diese zu überwachen. Wenn du kein Umarmer bist und es für dich sicher, klar und kategorisch so festgesetzt hast, dann strahlst du diese Attitüde aus. Meistens merken die Menschen diese distanzierte Haltung und wollen erst gar nicht die Arme um dich schlingen. Und wenn nicht, kann man dann justieren. Aber die Grenze ist für dich, denn du willst nicht umarmt werden – nicht: Die anderen sollen dich nicht umarmen.Wenn wir den Fokus von den anderen auf uns selbst richten, dann fallen uns solche Sachen wesentlich einfacher. Wenn wir etwas für uns beschließen und es auch konsequent durchziehen, darauf achten, dass andere diese besagten Booooundaries nicht überschreiten, dann sind wir in unserem Handeln klar, authentisch und ehrlich. Ehrlich mit uns selbst und ehrlich mit den anderen. Denn wenn jemand jedes Mal die Grenzen überschreitet, liegt es nicht unbedingt am Überschreiter, sondern an dem, der es mit sich machen lässt.

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