Narzisstische Zufuhr
Wie die englische Bezeichnung “narcissistic supply” bereits suggeriert, handelt es sich hierbei um die Versorgung des Narzissten, die für ihn essenziell ist.
Ein Narzisst besitzt kein stabiles Selbst, genau genommen hat er das sogenannte falsche Selbst (false self ) kreiert – eine idealisierte, übersteigerte, fiktive Version von dem Bild, wie der Narzisst sich sieht (der beste, der schönste, der klügste, der […]).
Jeder Mensch hat sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Während eher gesunde Menschen beides in sich erkennen und anerkennen, scheint der Narzisst nur die von ihm als „gut“ betrachteten Eigenschaften wahrzunehmen und in dieses false self einfließen zu lassen. Alles, was nicht in dieses Bild passt, wird verdrängt, geleugnet und kategorisch abgelehnt.
Es ist eine ganze Arbeit, dieses falsche Bild aufrechtzuerhalten. Deshalb muss es auf irgendeine Weise stets mit Versorgung „gefüttert“ werden.
Versorgung kann auf ganz mannigfaltige Weise eingeholt werden, beispielsweise in Form von Bewunderung, Lob, Anerkennung, Bestätigung oder Aufmerksamkeit, die der Narzisst von anderen erhält und um die er aktiv bemüht ist.
Versorgung wird jedoch auch durch das Erniedrigen, Demütigen, Entwerten, Beleidigen, Abwerten, Kleinreden, Herabsetzen, Verachten oder Geringschätzen anderer verschafft. Das wichtigste Moment hierbei ist: Der Narzisst muss den Eindruck haben, dass diese Angriffe wirken. Dies erfährt er durch das Feedback des angegriffenen Opfers in Form von emotionaler Reaktion.
Sobald auch nur ein Nanofunke von Zweifel am falschen Selbst aufkommt – und das kann absolut willkürlich passieren –, werden die oben beschriebenen Versorgungsmechanismen genutzt.
Heruntergebrochen kann man das narzisstisch motivatorische Narrativ in deren Kopf so zusammenfassen:
„Ich bin gut, ich bin super, ich bin toll, ich bin klasse, ich bin großartig.
→ Absolut NICHTS drunter/niedriger ist zulässig und ich muss und werde mir von außen die Rückmeldung einholen, dass das stimmt.“
„Ich bin scheiße, ich muss mich schämen, ich bin schlecht, ich bin wertlos.
→ Absolut NICHTS davon ist Realität, ich muss und werde nun andere runtermachen, damit ich mich wieder hochziehen kann und über denen stehe. Denn nicht ICH bin so, sondern sie. Ich bin gut, ich bin super, ich bin toll, ich bin klasse, ich bin großartig.“
Wir entfernen uns von der Idee, dass besonders beim letzten Beispiel Logik im narzisstischen Denkmuster eine Rolle spielt. Wenn man die Menschen um sich herum erniedrigt, ist es das Gegenteil von „gut, super und großartig“. Jedoch geht es dem Narzissten rein darum, all die aufkommenden schlechten Gefühle über sich selbst zu unterdrücken, und das kann mittels Projektion auf andere erreicht werden. Deshalb ist der Narzisst auch nie an etwas schuld – es sind immer nur die anderen.
Sobald er diese negativen Gefühle auf andere abgeladen hat, geht es ihm dann automatisch „gut, super und großartig“. Er ist nun für eine Weile versorgt, kann ganz normal mit dem Tag fortfahren, während die Opfer vollkommen zerstört mit dem Ausmaß der Verletzung, die der Narzisst zugefügt hat, zurechtkommen müssen.
Hierbei spielt für den Narzissten absolut keine Rolle, von wem er sich diese Versorgung holt. Er macht sogar vor seinen eigenen Kindern und Partnern keinen Halt. Meist sind gerade sie auch noch Versorger von sehr hoher Qualität, denn hier ist Kontinuität gegeben und eine Bandbreite an emotionalen Reaktionen herauszuholen, weil er genau weiß, wie er sie (schon immer) triggern konnte.